Die Scrophulariaceae haben zu einer größeren Anzahl anderer Familien nahe verwandtschaftliche Beziehungen, die vielfach eine Umgrenzung derselben schwierig gestalten. Nur der Umstand, dass den Habitus bedingende Eigentümlichkeiten im morphologischen Baue der Vegetationsorgane immer vereint sind mit bestimmten Eigenschaften im Blüten- und Fruchtbaue, lässt eine Unterscheidung der Familien immerhin zu. Es scheint, dass die Scrophulariaceae jene Formen umfassen, von denen sich zahlreiche andere Labiatifloren abzweigen.
Adolf Engler schreibt im Band 18a der 2. Auflage von 1930 des Sammelwerkes "Die natürlichen Pflanzenfamilien":
"Bei der Mannigfaltigkeit der Blütenverhältnisse ... ist es nicht zu verwundern, daß die Systematiker und Morphologen die Familie bald weiter, bald enger gefaßt haben."
Er führte schon damals aus, dass es schon im 19. Jahrhundert starke Auftrennungstendenzen in viele einzelne Familien gab, war aber selbst ein Vertreter der Zusammenfassung, obwohl er an mehreren Stellen seiner Ausführungen betonte, wie uneinheitlich die Familie sei.
Wie im vorangehenden Beitrag 9 ist eine Zeitgrafik zusammen gestellt worden, welche die Geschichte der Systeme grob umreißen soll. Wieder soll darauf hingewiesen werden, dass das Schema viele Vereinfachungen enthält, damit die großen Tendenzen besser sichtbar werden.
Nach Einleitung, Historischem, grundlegenden Merkmalen für die Gruppierung, Benennung der Pflanzen und Umordnungstendenzen in den übergeordneten Gruppierungen und einer Liste der 36 wichtigsten Veränderungen, sollen in diesem und den nächsten beiden Beiträgen einige komplizierte Fälle ausführlicher erläutert werden. Während es in den vorigen Fällen oft "nur" um die Erhebung von Unterfamilien in Familien bzw. Herabstufung von Familien in Unterfamilien ging oder um Verschiebung einzelner Gattungen von einer in eine andere Familie, kam es in den folgenden drei Fällen zu tief greifenden Veränderungen.
Die Reihenfolge der drei Fälle ergibt sich aus ihrer Stellung im Pflanzensystem. Zufällig stimmt sie auch in der zeitlichen Bearbeitung mit unserer Abfolge überein. Das heißt, der erste Fall war der bereits am zeitigsten in der Entwicklungsgeschichte der Systeme in Angriff genommene. Er betrifft die "alten" Liliaceae (Liliengewächse). Es ist der bei weitem komplizierteste Fall, der auch noch deshalb wichtig ist, weil er besonders viele Zier- und Nutzpflanzen betrifft.
In den beiden vorhergehenden Beiträgen sind die Fälle 1 bis 9 im Beitrag 6 und die Fälle 10 bis 23 im Beitrag 7 aufgelistet worden. Es folgt nun das Ende der Liste.
Sicher wirkt die Summe der vielen genannten und hier nicht erwähnten Veränderungen auf den ersten Blick verwirrend. Denken Sie aber daran, dass nichts auf der Welt auf Dauer Bestand hat: "Panta rhei" - alles fließt. Warum soll das nicht auch für das Pflanzensystem gelten? Sich mit diesen Veränderungen zu beschäftigen ist eine spannende Sache, die zum tieferen Nachdenken über die Vielfalt in der Pflanzenwelt herausfordert.