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Stellungnahme zum Artikel "Das Wunder des Frühlings"

Die Aussagen des übernommenen Artikels sind wenig informativ, zum Teil sogar nicht vertretbar.

Liest man als Biologe diesen Artikel, so wird einem wieder einmal klar, wie Effekthascherei unseriöser Wissenschaftler begierig aufgegriffen wird und die Produkte von solcherart Übertreibungen weit umher wandern. Da finden sich einige Leute zusammen, deuten lange bekannte Fakten wie etwa die Existenz elektrischer Potentiale in übertriebener und mystifizierender Weise um und benutzen dazu noch Begriffe, die für etwas anderes definiert sind, weil das vermeintlich neue aufregende Erkenntnisse seien. Im Mai 2005 gab es in Florenz ein Symposium der neuen "Wissenschaft" Pflanzenneurobiologie. Dort wurden abenteuerliche Begriffe geprägt für bereits Bekanntes. Sogar von gehirnähnlichen Strukturen, die angeblich in den Wurzelspitzen existierten, wird geschrieben. Prompt setzt nun der vorliegende Beitrag noch eins drauf und scheut sich nicht tatsächlich zu schreiben, dass die Pflanzen Entscheidungen treffen würden, was ein Gehirn und Intelligenz voraussetze. Man kann eben die Übertreibungen noch immer weiter übertreiben.

Gehirn und Intelligenz sind begrifflich gut umschrieben, siehe z. B. die entsprechenden Definitionen bei Wikipedia.

"Als Gehirn (Hirn, lateinisch cerebrum, altgriechisch ἐγκέφαλον, enképhalon) bezeichnet man den im Kopf gelegenen Teil des Zentralnervensystems (ZNS) der Wirbeltiere. Es liegt geschützt in der Schädelhöhle, wird umhüllt von der Hirnhaut und besteht hauptsächlich aus Nervengewebe." (Wikipedia)

Wo befindet sich nach dieser Definition bei den Pflanzen das Gehirn?



"In der Psychologie ist Intelligenz ein Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen, also die Fähigkeit, zu verstehen, zu abstrahieren, Probleme zu lösen, Wissen anzuwenden und Sprache zu verwenden." (Wikipedia)

Also bitte, sprechen Sie weiter mit Ihren Pflanzen. Vielleicht entscheiden sie sich dann zu blühen.

Wenn Pflanzen als komplizierte Regelmechanismen mit ihrer Umwelt wechselwirken, sind sie sich dessen nicht bewusst und tun diese Dinge nicht aufgrund von Entscheidungen, sondern aufgrund von bestehenden physiologischen Regelmechanismen und den ihnen innewohnenden genetischen Grundlagen.
Nachdem man seitens seriöser Wissenschaftler das Treiben der "Pflanzenneurobiologen" längere Zeit mitansehen musste, zeigt ein Zitat eines Heidelberger Pflanzenwissenschaftlers, wie man diesem Unsinn machtlos gegenübersteht (wie es ja bei Unsinn so üblich ist - siehe den Wunderglauben an Außerirdische und Ufos, der sich auch nicht ausrotten lässt): "Viele von uns dachten, das erledigt sich von selbst, aber nein, es gerät völlig außer Kontrolle."

Das betrifft die Pflanzenneurobiologie. Der hier publizierte Artikel bietet dazu noch einige nette Passagen, z. B. die, dass "...ein Frühlingswald oder eine Blumenwiese tatsächlich eine Welt voller Intelligenz und Kommunikation ist. ... Da gibt es Warnrufe und laute Alarme, Partnerschaften und Kriegserklärungen. Die Pflanzen leben in einem engen Netzwerk der Informationen. Und hier können nur die Schlauesten überleben. Unter Botanikern verbreitet sich immer mehr die Auffassung, dass Pflanzen intelligent sind." Kommunikation und Information - das stimmt zweifellos. Anderes sind vermenschlichende Worte aus der Beschreibung unserer Gesellschaft, ein gutes Beispiel des Zusammenstrickens von Fakten und Halbwahrheiten. Der letzte Satz aus dem Zitat ist aber eine sehr gefährliche Äußerung, vor der man nur warnen kann. Nur weil ein Grüppchen von Sensationsmachern von sich reden macht, heißt das noch lange nicht, dass sich das unter Botanikern "immer mehr verbreiten" würde. Vor solchen Schlussfolgerungen kann man nur warnen.

Schlimm wird es dann besonders, wenn der Unsinn in der Überschrift noch reißerisch verdichtet wird (Zitat): "Forscher finden immer mehr Hinweise darauf, dass Pflanzen ein Gehirn haben. (sollen?)"


Fazit: wer dieses Machwerk allzu ernst nimmt, begibt sich auf das Gebiet der Mystik. Die nächste Stufe wäre dann anzunehmen, dass Pflanzen eine Seele haben. Das Mittelalter lässt grüßen.

Sachliche Kommentare zu diesem Thema findet man u.a. im Laborjournal, Heft 10/2005 S. 22-26 und auf der Webseite www.scinexx.de
Das Wissenschaftsmagazin vom Montag, dem 19.4.2010:

Lassen Sie uns die ungeheuer komplexe und vielfältige Welt der Pflanzen bewundern und bestaunen.

Aber vermeiden Sie jede Mystik.

Berlin, den 18. April 2010

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